Die École nationale d’administration (ENA) - Bedeutung in Geschichte und Gegenwart

Die ENA - École nationale d’administration - ist eine französische Elite-Hochschule in Straßburg, die eine eminente Rolle bei der Rekrutierung der nationalen französischen politischen Eliten spielt ...
ENA Straßburg
Das Gebäude der ENA in Straßburg ( Leonid Andronov / Shutterstock.com )

Die ENA und die Enarchen

Wenn von der politischen Klasse der Französischen Republik nach dem Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, fällt nicht selten der Begriff „Énarchie“. Die Erfindung dieser Bezeichnung wird dem sozialistischen Jung-Politiker Jean-Pierre Chevènement (geb. 1939) zugesprochen.

In seinem 1967 unter dem Pseudonym „Jacques Madrin“ veröffentlichten Buch „L'Énarchie ou les Mandarins de la société bourgeoise" rechnete Chevènement mit dem seiner Meinung nach zu einer Oligarchie spezieller Ausformung verkrusteten Exekutiv-System in Frankreich ab. Chevènement stellte die These auf, dass nahezu alle Schlüsselstellungen im Spitzensegment der Entscheidungsträger in Regierung und Verwaltung von einem elitären Netzwerk von Absolventen einer Hochschule mit dem unspektakulären Namen „École nationale d’administration besetzt seien.

Die „Nationale Hochschule für Verwaltung“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch üblicherweise nur mit ihrer Kürzelbezeichnung „ENA“ benannt.

Chevènements Angriff auf die ENA-Absolventen, die „Enarchen“, bekam durch den Umstand, dass der Autor selbst an der ENA studiert hatte, besondere Bedeutung. Das ENA-Examen verbindet Chevènement übrigens mit anderen prominenten ENA-Kritikern, darunter Emmanuel Macron (geb. 1977, ENA-Abschluss 2004), der 2017 das Amt des französischen Präsidenten angetreten hat.

Die ENA als Kaderschmiede der Nach-Vichy-Zeit

Anders als in Nachkriegs-Deutschland, wo das Personal der öffentlichen Verwaltung nach oft zur Farce degradierten Entnazifizierungs-Verfahren zum großen Teil aus Frauen und Männern bestand, die bereits in der Nazi-Zeit Funktionsposten innegehabt hatten, versuchte Frankreich nach Kriegsende einen anderen Weg zu gehen.

Ziel war es, auf das Expertenwissen der Beamten, die im System des von Philippe Pétain und Pierre Laval geführten État français („Vichy-Regime“) auf Top-Positionen gesessen haben, verzichten zu können. Dafür sollte eine neue Ausbildungsstätte unbelasteten, sich der Demokratie verpflichtet fühlenden Kursanten das nötige Fachwissen für den höheren Verwaltungsdienst vermitteln.

Zentrale Persönlichkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens waren Charles de Gaulle (1890–1970) und Maurice Thorez (1900–1964). Noch vor der Gründung der IV. Republik 1946 wurde die ENA am 9. Oktober 1945 vom als Vorsitzender der Provisorischen Regierung Frankreichs regierenden de Gaulle gegründet. Die Schule war ein wichtiges Versatzstück in der vom Minister ohne Geschäftsbereich Thorez federführend bis 1946 durchgesetzten radikalen Reform der Verwaltungsstruktur.

Grande école

Als Schulform wurde die der Grande école gewählt. Diese während der Französischen Revolution als Alternative zu den als Trutzburgen monarchischen Denkens abgeschafften Universitäten entwickelte Hochschulform konzentrierte und konzentriert sich in der Regel auf ein einziges Fachgebiet wie Medizin, Rechtswissenschaft oder Verwaltungswissenschaft.

Die Grande écoles erreichten rasch ein erhebliches Prestige, das bis heute häufig das Ansehen der 1808 in Frankreich wieder eingeführten Universitäten übertrifft. Allerdings wird den eher praxisorientierten Grande écoles häufig ein im Vergleich zu klassischen Universitäten anzumerkender Mangel an Forschungsinstituten und damit an forschender Wissenschaftlichkeit nachgesagt.

Typisch für eine Grande école wie die dem Innenministerium unterstehende ENA sind das anspruchsvolle Auswahlverfahren („concours“) und die ausgezeichneten Studienbedingungen.

Der ursprünglich durchaus im Sinn von Volksherrschaft und Gleichheit egalistisch angelegte Ansatz für die Zugangsvoraussetzungen zu den Grandes écoles ist aber rasch in der Praxis verändert worden. So kommen die meisten Bewerber aus Familien, die oberen besitz- oder beamtenbürgerlichen Schichten angehören, deren Hintergrund es eher erlaubt, die Kosten für Elite-Gymnasien und auf den "concours" vorbereitende Kurse aufzubringen.

Es hat sich nach Ansicht vieler Kritiker in der ENA bald nach ihrer Gründung eine nahezu mono-soziologische Schichtung der Absolventen als Angehörige der Besitz-, Beamten- und Bildungsbürgerschicht ergeben.

ENA als Institution

Die ENA hatte ihren Standort ursprünglich in Paris. Im Zusammenhang mit der Bestrebung, eine zumindest moderate Dezentralisierung wichtiger öffentlicher Einrichtungen im traditionell zentralistisch auf die Kapitale Paris ausgerichteten Verwaltungssystem zu begünstigen, wurde 1992 die Verlegung des ENA-Standortes beschlossen. Seitdem hat die ENA ihren Sitz in einem ehemaligen Margeriten-Kloster in der elsässischen Stadt Straßburg. Der Umzug an die Rue Sainte-Marguerite nahm allerdings gut ein Jahrzehnt in Anspruch, bis die ENA ganz umgezogen war.

Angeboten wird in der ENA vor allem ein 24-monatiger, durch Praktika ergänzter Aufbaustudiengang für bereits einen fachbezogenen Studienabschluss besitzende Bewerber. Der zweimal wiederholbare "concours" ist überaus anspruchsvoll. Für die alljährlich zu vergebende exklusiv kleine Studienplatz-Anzahl von 100 bis 180 gibt es regelmäßig tausende Bewerbende. Überdurchschnittlich viele Bewerber, die es schaffen, kommen von "Sciences Po", dem "Institut d'études politiques de Paris".

Die Studierenden-Jahrgänge werden in der Regel nach illustren Persönlichkeiten benannt. Das müssen nicht zwingend Franzosen sei. So wurde der Jahrgang 2003-04, dem Macron angehört, nach dem senegalischen Politiker Leopold Senghor benannt. Die Absolventen des Jahrganges 2007-09 haben Willy Brandt als Namenspatron und die vom Jahrgang 2015-16 George Orwell.

Der Anteil ausländischer Studierender schwankt zwischen einem Fünftel und einem Viertel. Darunter sind überdurchschnittlich viele Deutsche. Den jeweils somit insgesamt etwa 300 Studierenden der beiden an der ENA unterrichteten Jahrgangsstufen steht ein Lehrkörper von ungefähr 250 Professoren und Assistenten gegenüber.

Karrieresprungbrett ENA

Die relativ niedrigen Studiengebühren an der ENA können an die Verpflichtung gekoppelt sein, dass der ENA-Absolvent nach seinem Abschluss mindestens zehn Jahre im Staatsdienst auf Positionen im Diplomatischen Corps, dem Rechnungshof oder der Ministerialbürokratie arbeitet. Die Positionierung richtet sich dabei wesentlich nach dem Jahrgangs-Ranking bei den Abschlussexamen.

Zu den bekanntesten der knapp 6.000 französischen ENA-Absolventen seit 1946 gehören neben Macron und Chevènement die Staatspräsidenten Jacques Chirac (1932–2019) und François Hollande (geb.1954) sowie Ministerpräsidenten wie Édouard Balladur (geb. 1929), Michel Rocard (1930–2016), Lionel Jospin (geb. 1937), Alain Juppé (geb. 1945) und Laurent Fabius (geb. 1946). Bei den Stichwahlen zum höchsten französischen Staatsamt, der Präsidentschaft, waren in den letzten Jahrzehnten fast immer ENA-Leute als Bewerber dabei.

Kritik an der ENA

Die ENA, der man durchgehend exzellente Fachkompetenzvermittlung zuschreibt, wurde oft dafür kritisiert, dass sie eine Form des informellen Beamten- oder Studentenverbindungs-Netzwerks begünstigt, ein Netzwerk, das den französischen Staat in unzulässiger, weil undemokratischer Art von oben nach unten teildominiert. Diese Kritik hat ENA-Absolvent Macron 2019 – möglicherweise aus taktischen Beweggründen als Reaktion auf die Gelbwesten-Bewegung – medienwirksam aufgegriffen und eine Abschaffung der ENA in Aussicht gestellt.

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