Die Geschichte des Weinbaus in Frankreich

Alle Welt verbindet Frankreich heutzutage mit Weinerzeugnissen der Spitzenklasse. Dass es so ist, verdanken Land und Gourmets aber einer langen und spannenden Geschichte.
Frankreich Wein Geschichte
Pralle Trauben und daraus hergestellte Weine von Weltruhm sind das vielleicht französischste aller Symbole – zumindest aber das Älteste ( Rostislav_Sedlacek / Shutterstock.com )

Wie die Traube nach Frankreich kam

Es war einmal… damit fangen normalerweise Märchen an. In manchen Fällen allerdings auch märchenhaft-wahre Geschichten. So auch diese: Dass heute die großartigsten Weine und Perlweine aus Frankreich kommen, liegt so weit im Dunst der Geschichte zurück, dass bei seinen Anfängen selbst Rom noch eine Regionalmacht war, deren Einfluss an den Stadtmauern endete.

Interesse geweckt? Dann wollen wir uns auf Spurensuche begeben. Also: Es war einmal…

…In einem Gallien vor unserer Zeit

Der wohl berühmteste Gallier, Asterix, ist nur eine Phantasiegestalt. Sein Land jedoch war real (obwohl erst die Römer den Begriff Gallien prägten).

Wir befinden uns im Jahre 600 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Frankreich war ein Flickenteppich aus Stammesgebieten. Einen Großteil besiedelten den Kelten. Nördlich der Pyrenäen genossen die Iberer das Klima, am Mittelmeer residierten die Ligurer.

Selbst was wir heute als Traumstadt mit einer Ausdehnung von 80 Quartiers kennen, war damals nur eine kleine keltische Siedlung auf der Île de la Cité.

Eines Tages tauchten an der Mittelmeerküste Galliens Segel am Horizont auf. Die dazugehörigen Schiffe und Besatzungen hatten eine sehr weite Reise hinter sich, sie stammten aus der griechischen Stadt Phokaia an der Westküste der kleinasiatischen Landmasse.

Schon Luftlinie sind das 2.000 Kilometer, tatsächlich hatten die Phokäer durch den Weg durch die Ägäis und rund um Italien gut und gerne das Doppelte zurückgelegt – und das lange bevor der Kompass bekannt war.

Man darf also davon ausgehen, dass Phokäer glücklich waren, als sie nicht nur Land sahen, sondern auch eine große, schützende Bucht, die sich nach Südwesten hin öffnete. Sie gingen an Land und gründeten eine Siedlung – eine eigene, hochromantische Geschichte für sich. Wir kennen die Stadt als Marseille, damals wurde sie auf Massalia getauft.

Für unsere Story zählt jedoch primär das, was die Phokäer im Bauch ihrer Schiffe mitbrachten, Weinreben. In ihrer Heimat hatte das Getränk fest zum Speiseplan gehört. Die mitgebrachten Reben waren bestens für das südgallische Klima geeignet.

Marseille
Heutzutage kann man sich kaum noch vorstellen, wie Marseille vor der Zeitwende aussah. Auf die Phokäer wirkte die Bucht jedoch enorm einladend. ( Sergey Novikov / Shutterstock.com )

Ein durchaus reger Handel

Die Phokäer pflanzten ihre Reben ein und genossen den Ertrag über die kommenden Jahrhunderte. Bis rund 400 Jahre später wieder Fremde auftauchten. Diesmal nicht auf dem See-, sondern Landweg – die Römer.

Aus der kleinen Stadt war mittlerweile ein Imperium geworden, das Handel mit der iberischen Halbinsel betreiben wollte. Massalia lag buchstäblich auf dem Weg und die Römer waren nicht weniger vernarrt in den Rebsaft. Rasch stellte man fest, dass die jeweils anderen Sorten auch gut schmeckten.

So begann nicht nur ein schwunghafter Handel (obwohl die Römer dazu neigten, sich Monopole zu verschaffen, durch die auch anderswo vornehmlich in Italien angebauter Wein getrunken wurde), sondern auch ein önologischer Austausch: Phokäische Weinstöcke gen Rom, römische Weinstöcke nach Südgallien.

Und man stellte fest, dass die Region entlang der Rhône nicht nur wegen des Klimas, sondern auch der Böden bestens dazu geeignet war, dort Reben anzubauen.

Dabei muss sich der geneigte Leser einmal die unglaubliche Kontinuität vor Augen führen, um das Gesamtbild zu erfassen: Selbst ein vergleichsweise junges Gut wie das 1992 in heutiger Form gegründete Le Colombier oder eine sehr alte Anlage wie das seit 1490 bestehende Chateau de Saint Cosme, beide im Rhône-Gebiet, blicken in direkter Linie auf diese über 2.000 Jahre zurückliegenden Ursprünge zurück! Seit jenen Tagen wird hier kontinuierlich, über sämtliche Herrscher, Kriege, Epochen hinweg Wein angebaut.

Und so, wie die Römer ihr Weltreich vergrößerten, trugen sie den Wein mit sich, denn sie erkannten, dass ihr Weindurst sich kaum mit der bisherigen Gesetzeslage vom rein italienischen Wein in Einklang bringen ließ – eine unhaltbare, unnötige logistische Kraftanstrengung.

Ergo förderten sie indigenen Weinbau: Erst sorgte ihr Durst dafür, dass sich die Rebstöcke immer weiter nördlich entlang der Rhône ausbreiteten. Als dort buchstäblich kein Platz mehr war, wurden Reben nach Westen mitgenommen und rings um die erste römische Siedlung jenseits des italienischen Stiefels angepflanzt – Narbo Martius, Narbonne.

Von dort aus zog sich die Weinspur um die Zeitenwende nach Norden Richtung Gaillac – ebenso ein nach wie vor bedeutendes Anbaugebiet.

Narbonne Wein
Mediterranes Klima, sanft gewellte Landschaft. Kein Wunder, dass heute wie zu Römerzeiten rings um Narbonne Wein angebaut wird. ( Christian Musat / Shutterstock.com )

Wir müssen uns entwickeln

Damit war allerdings die nördliche Grenze erreicht. Die bisherigen Weinreben waren klimafühlig, gediehen nur dort, wo auch Olivenbäume wuchsen. Aber: der Durst war unstillbar und so tastete man sich vor.

  • Erst waren um 300 Aquitanien und das Burgund an der Reihe. Dort konnten noch die alten Reben angepflanzt werden, hatten aber nicht mehr einen solchen Ertrag und auch keine jährlich garantierte Ernte.
  • Als auch das nicht mehr reichte, wurden ab 600 Reben entlang der Loire und der Champagne gepflanzt. Sogar die Île-de-France und die Bretagne wurden zu Weinbaugebieten.

Möglich wurde das durch ein konsequentes Züchten von Reben, die weniger Sonne benötigten und auch mit ganz und gar nicht mediterranem Klima zurechtkamen.

Beides fiel mit dem langsamen Machtverlust Roms und schließlich dem Untergang des weströmischen Reiches zusammen. Dass der Wein blieb, wo alle anderen römischen Spuren langsam verwischten, lag schlicht daran, dass er buchstäblich jedem schmeckte.

Als die Römer gingen, die Westgoten, Burgunden und anderen germanischen Stämme übernahmen, wurde der Weinbau kaum beeinflusst – Im Gegenteil, die „Barbaren“ lernten die zurückgelassenen Tropfen nicht minder schätzen.

Spätestens als Karl der Große den Kaiserthron bestieg (im Jahr 800) war die französische Wein-Landkarte, so wie wir sie heute kennen, nicht nur komplett, sondern gar ein gutes Stück umfangreicher.

Bretagne
So wildromantisch die Bretagne auch ist, hier Wein anzubauen, dürfte wohl eine römische Verzweiflungstat auf der Suche nach Masse statt Klasse gewesen sein. ( DaLiu / Shutterstock.com )

In gar nicht so dunklen Zeiten

Aus heutiger Sicht erscheint das Mittelalter als Phase des Rückschritts, verglichen mit der römischen Epoche. Für französischen Wein jedoch ist die Ansicht unhaltbar.
Denn die letzten Jahrhunderte des ersten Jahrtausends sorgten dafür, dass sich hier der Katholizismus ausbreitete – was Wein nicht nur zum festen Teil der Eucharistiefeier machte, sondern auch eine konsequente Weiterentwicklung durch die einzige konstanten Wissens-Horte garantierte – die Klöster.

Gleichzeitig war die karolingische Epoche die Initialzündung für eine neue Art von Landwirtschaft. Unter dem System namens Complant konnten landlose Bauern von ihrem Lehensherrn bislang unbestelltes Land bekommen, es für eine festgelegte Zeit in seinem Auftrag bestellten. War die Zeit abgelaufen, ging das Land zur Hälfte in den Besitz des Bauern über.

Wein war dabei deshalb interessant, weil es die Erschließung bislang ungenutzter Hänge ermöglichte, an denen anderweitig nichts angebaut werden konnte. Der Wunsch der Bauern, ihr eigener Herr sein zu können, sorgte für mächtigen Vortrieb.

Champagne Frankreich
Seit über tausend Jahren leuchten in der Champagne die schneeweißen Kreidefelsen zwischen den Weinreben. Beste Bedingungen für das edelste Getränk überhaupt. ( olrat / Shutterstock.com )

Ein prickelnder Gruß Roms

In der Champagne hatte man damals schon seit Jahrhunderten Trauben angebaut, die aus dem Burgund stammten – mit wechselhaften Ergebnissen.

Allerdings hatte die Region einen großen Vorteil: Als die Römer dort waren, hatten sie sich maulwurfsfleißig durch das Gestein gegraben, um an die begehrte Kreide zu kommen, die sie für repräsentative Bauten benötigten – selbst heute wird dort noch edelste Kreide abgebaut.

Die zurückgelassenen, dutzende Kilometer langen Tunnel waren im Mittelalter noch vorhanden und bestens als Weinkeller geeignet. Theoretisch zumindest. Praktisch konnte es in der Champagne im Winter ziemlich kalt werden. Untertage hatte das zur Folge, dass die Gärung vorzeitig einschlief – den Hefebakterien war es zu kalt.

Kam nun das Frühjahr, ging die Gärung wieder los; allerdings rasch und unkontrolliert. Es entstand Kohlendioxyd im Übermaß, Flaschen platzten reihenweise, ganze Jahrgänge waren gefährdet.

Dieser „Perlwein“ war damals Ausschuss, regelrechte Ramschware, die man vornehmlich auf die britischen Inseln exportierte, weil sie sonst niemand kaufte. Die Engländer hatten hingegen mangels passendem Klima keine Möglichkeit, eigenen Wein zu produzieren, nahmen, was sie kriegen konnten – und fanden so Gefallen am von aller Welt verpönten Blubberwein.

Dom Pérignon Weinkeller
Nicht nur die Lagerung mit dem Korken nach unten verdanken wir Dom Pérignon, sondern auch die typischen 0,7 Liter Flascheininhalt – seiner Meinung nach typische Verzehrmenge pro Person beim Abendessen. ( RICIfoto / Shutterstock.com )

Mönche, Herrscher, der Rest ist Geschichte

So gingen die Jahrhunderte ins Land. Auf das Mittelalter folgte die Renaissance, Frankreich wurde zum großen Machtfaktor und zur bestimmenden Wein-Nation. 1668 wurde im Kloster Hautvillers in der Champagne ein gewisser Pierre „Dom“ Pérignon zum wirtschaftlichen Oberaufseher der Abtei und damit auch der Weinproduktion gemacht.

Dom Pérignon sah das Problem der stagnierenden Gärung und der explodierenden Flaschen und ging es an. Er machte die Flaschen dickwandiger, experimentierte mit Rebsorten-Verschnitten, sicherte Korken mit Draht.

Und er entwickelte ein bedeutsames Gärungsverfahren zur Serienreife, die Méthode champenoise. Zwar konnte auch sie nicht verhindern, dass viel Kohlendioxid entstand, aber das war auch nicht das Ziel. Viel mehr machte es diese Gärung berechenbar.

Äußerst notwendig. Denn der „englische Trend“ hatte auf Kontinentaleuropa abgefärbt. Vor allem in Fürstenhäusern wurde Schaumwein Mode – und Dom Pérignons Kloster war der einzige Weinhersteller, der kontrolliert liefern konnte.

In der zweiten Hälfte der 1600er wurde aus der Ramschware nicht nur ein Edelgetränk, sondern Hautvillers zum reichen Kloster. Die „Krönung“ kam, als Frankreichs Herrscher Ludwig XIV. nach erstmaligem Konsum bei seiner Krönung im Jahr 1654 regelrecht vernarrt danach wurde.

Was der Sonnenkönig tat, war für alle Untertanen und weit über die Grenzen seines Reichs nachahmungswürdig. Und so hatte sich nicht nur die Traube aus Frankreich zum Weltmaßstab gemausert, sondern auch der Champagner – bis heute und wohl auch noch für viele Jahre.

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